FreitagsFreiraum. Übers Wasser gehen. Floating Piers.

Ein Wunder erleben? Ist nicht anno dazumal Christus über das Wasser gewandelt? Und jetzt die ganze Welt plus wir? Christo und Jeanne-Claude lassen die Vision gangbar werden und unsere Gastautorin Monika nimmt uns mit auf Erlebnisreise Floating Piers.

Mit Bildern der Floating Piers aus dahliengelbem Stoff im Hinterkopf machen wir uns am Freitag auf den Weg über die Alpen. Nicht zu übersehen ist in den Medien das große Interesse, die Menge der Menschen. Wie anstellen? Ganz früh am folgenden Morgen aufbrechen kann vielversprechend sein.

Die Annäherung wird zum Vorwort des Tageserlebnisses, ein mögliches Umkehren müssen ist im Hinterkopf. Der Lago d‘ Iseo und seine Dörfer ist kurz nach sechs für den Autoverkehr abgeriegelt, auch carabinieri sind Frühaufsteher für die Kunst. Es geht ein Dutzend Kilometer nach außerhalb auf das zum Großparkplatz umgewandelte Gelände einer Ziegelfabrik mit dem verheißungsvollen Namen la Vela, das Segel. Die Wahl zwischen Helikopter-Taxi und dem Gelenkbus pullman für die Weiterreise fällt aus wie aus der schwäbischen Heimat gewohnt, die solche Taxis kaum kennt. Vor Ort steckt der Bus im Verkehrsnadelöhr. Durchs Fenster gibt es die Mitteilung, vielleicht werden die Piers wegen durchziehendem Schlechtwetter gesperrt. Gefordert ist harren und froh sein, wenn es weitergeht, bescheiden werden die Hoffnungen, aussteigen zu dürfen.

Helikopter-Taxi

Helikopter-Taxi

Die Stoffbahn leckt wie Wasser in die Gassen von Sulzano die zum Floating Pier hinführen. Noch an Land, ist bereits die handwerkliche Liebe zum Detail zu bewundern, jeder kleine Versatz der Hausecken ist sorgfältig im Belag umgesetzt. Das Gehen ist  durch eine Unterfütterung des Stoffes angenehm.

Gasse

Gasse

Der erste Schritt auf nicht mehr festen Untergrund ist freudig. Erstmal den Kontakt zum schwimmenden Weg ohne Schuhsohlen herstellen, um das Wandeln übers Wasser mit dem ganzen Tastsinn erleben zu können. Der zivilisatorische Ballast wird modern an den Rucksack gehängt.

Barfuß

Barfuß

Die Stoffbahn ist leicht gefältelt, der Weg mehrere Meter breit. Der Untergrund schwankt leicht, erinnert an ein Schiffsdeck. . Im Unterschied dazu ist der Steg, gereiht aus Plankenelementen, jedoch in sich beweglich. Die einzelnen Planken zeichnen sich kaum ab durch den fein gewebten Stoff, die Fläche wirkt optisch geschlossen. Das Temperament des Wassers setzt sich darin als leichte Wellenbewegung fort. Eine ganz neue Erfahrung. Wunderbar.

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Passarelle

Der aufblitzende Gedanke vom Steg aus ins Wasser zu gehen, zu schwimmen, wie eine Robbe auf den Rand des Steges zurückzukehren, bleibt an den Schlauchbootpatrouillen und zahllosen Helferinnen und Helfern auf und entlang der Piers hängen. Keine und keiner fällt oder geht von der passerella ins Wasser ohne sofort gerettet zu werden, ok verstanden das muss natürlich so sein wenn Menschen sich in Massen befinden.

Menschenmenge

Menschenmenge

Die sinnliche Faszination setzt sich fort im Erleben der Kontraste. Die Farbe wirkt stark und ungeheuer schön, zum Rand des Piers hin wo das Wasser hereinreichte wird sie zum dunklen Orange. Das leuchtende Farbspiel mit dem dunkelblaugrüngrauen Wasser, das sich auf einer Ebene anschließt und je nach Sonnenlicht den Ton wechselt, macht staunen.

Farbspiel

Farbspiel

Die auf den See hinaus führenden Stege zur kleinen Isola di San Paolo, der Privatinsel der Familie Beretta deren Waffenschmiede nahe des Iseo-Sees liegt, bleiben an diesem Vormittag noch ungeöffnet. Ihr Verlauf sorgt für eine perspektivische Augenweide.

Blick in die Alpen

Blick zur Isola

Die Menschen erinnern in ihrem Fluten an eine samstäglich geschäftige Fußgängerzone. Unerwartet ist, dass es sich als gar nicht schwierig erweist, inmitten des Stroms in sich gekehrt zu sein. Die Kontraste zwischen klein und groß, abgelegen sein und im Zentrum der Aufmerksamkeit der Welt liegen kommen in den Blick.

Das Treiben wirkt großstädtisch und global. Das Völkergemisch und die kreisenden Helikopter sprechen dies aus. Der Lago d’Iseo mit seinen Ortschaften strahlt die Ruhe einer am Rande des Tourismus gelegenen Kulturlandschaft aus, die durch ihre Taleingangssituation zu den Alpen hin vom Rauschen der Welt ansonsten recht unbehelligt ist. Der Wechsel der Natur ist Teil der Installation. Tafeln zeigen die Wettersituation an. Bei Regen oder Gewitter werden die Piers menschenleer gewaschen.

Blick in die Alpen

Blick in die Alpen

Das Urbane im Provinziellen und das oberitalienisch-Ländliche im Weltganzen. Manhattan und Monte Isola. Fernöstliche schwimmende Märkte und ruhende Wasserfläche, die Tiefe eines von Gletschern geschaffenen Naturwunders. Millionenfach in den sozialen Medien und an Bildpinwänden geteilte Erfahrungen. Vielleicht sind es gerade solche Verknüpfungen die es ausmachen, dass der Lago d’Iseo auch nach der dreiwöchigen Dauer der Installation im Gedächtnis der Netzgemeinschaft bleiben wird.

Wie würde ich morgen die Frage beantworten, ob Menschen vermögen über das Wasser zu gehen? In diesem Sommer ist es in Oberitalien am Lago d‘Iseo tatsächlich möglich geworden. Dank der Kunst von Christo und Jeanne-Claude.

Vielen Dank, liebe Monika, für diesen wunderbaren Gastbeitrag. Dank deiner lebhaften Beschreibung des Erlebten, konnten wir die Floating Piers deutlich unter unseren Fußen spüren.

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