InGOLDcity I – Was macht eine Stadt attraktiv?

Über ein halbes Jahr lang habe ich mich während meiner Masterarbeit mit meiner Heimatstadt Ingolstadt auseinandergesetzt, wollte ergründen, warum die Stadt gerade bei jungen Leuten nicht gerade Begeisterungsrufe auslöst – ja sogar oft Shitstorms und eher Hater als Unterstützer an Land zieht. Meine Ergebnisse, Eindrücke und Stimmungsbilder möchte ich hier mit euch teilen, weil ich finde, dass ich mit Hilfe meiner Interviewpartner viel Wertvolles zusammentragen konnte, das bestimmt dem ein oder anderen von euch aus der Seele spricht.

Ich persönlich bin gerne in Ingolstadt aufgewachsen. Hier ist meine Heimat, hier habe ich die besten Freunde der Welt (Props!). Hier ist einfach meine Base, hier bin ich verwurzelt. Ich kenne die Stadt von Kindesbeinen an, habe eine persönliche Bindung zu ihr, kann Plätze und Räume mit Geschichten und Menschen verknüpfen, mich mit Orten identifizieren. Mir geht es da wie Fiva MC, die in ihrem Lied „Frühling“ sagt: „… [Ich] geh‘ gern weg und komm gern wieder … Mag die Stat mit ihren Lichtern, ich häng an den Gesichtern, an den Mädels an den Jungs, an den Rappern, an den Dichtern (wobei mir die in Ingolstadt noch nicht so häufig über dem Weg gelaufen sind)… Ich bin hier geboren, aufgewachsen, großgeworden und rausgewachsen.“
Das ist vermutlich das, was viele Zugezogene einfach nicht können: sich mit der Stadt identifizieren. Ingolstadt scheint es Zugezogenen schwer zu machen, Identifikationspunkte zu schaffen. Sie haben keinen persönlichen Bezug zu Ingolstadt, kommen aufgrund von äußeren Umständen her – Studium, Beruf etc. und sind dann so oft unzufrieden mit ihrem Wohnort. Aber es ist ja heutzutage nichts Besonderes mehr, umzuziehen, seinen Lebensmittelpunkt zu verlagern und sich dann auch noch wohlzufühlen und sich eine neue Heimat aufzubauen. Also warum ist das für junge Erwachsene in Ingolstadt so schwer? Vielleicht muss man, so wie ich, in einer Art „autonomen Blase“, die wir uns geschaffen haben, großgeworden sein, um die Stadt lieben zu können. Ohne meine Freunde, meine Netzwerke würde mein Urteil vermutlich ebenfalls ganz drastisch ausfallen. So wie eben bei den vielen Studenten und Berufseinsteigern, mit denen ich gesprochen habe. Aber dieses subjektive Empfinden ist eben ein wesentlicher Punkt was Lebensqualität und Idenfitikation angeht. Mit den richtigen Leuten und einem festen Platz innerhalb eines Gefüges bewertet man seine Situation um Längen anders. Nichtsdestotrotz wollte auch ich nach der Schule sofort weg. Raus aus der miefigen Kleinstadt mit den immer selben Veranstaltungen und Partys. Ich sehe die Probleme, die Ingolstadt hat und die junge Erwachsene mit der Stadt haben. Mit meinem Studium als Background, kann ich sie jetzt auch einschätzen und bennen.

Wegen meiner persönlichen Bindung zu Ingolstadt ist auch der Charakter meiner Thesis sehr persönlich und subjektiv, was die Arbeit durchaus von rein wissenschaflichen Abschlussarbeiten unterscheidet. Das war von Anfang an gewollt und wurde auch von meinen betreuenden Professoren begrüßt und unterstützt. Man muss ja nicht immer den klassischen Weg gehen und ich wollte zum Abschluss an einem Thema arbeiten, das mich besonders interessiert und mir eine Arbeitsweise auswählen, die mir einfach Spaß macht. Stadtplanung ist ein so vielfältiges Thema, das auf unterschiedliche Art und Weise betrachtet und beleuchtet werden kann.

Lieblingsort oder Hassort? Interview am Theatervorplatz zu InGOLDcity

Für meine Arbeit habe ich qualitative Interviews geführt, also Face to Face, um ein Stimmungsbild wiedergeben zu können. Gesprochen habe ich mit Kulturschaffenden, Studenten, jungen Leuten verschiedenster Professionen, darunter junge Audi-Mitarbeiter, aber auch Repräsentanten der Stadtverwaltung sowie Politik und Vertreter des Stadtmarketings. „Junge Erwachsene“ heißt für mich in diesem Zusammenhang, Menschen in meiner Altersklasse zwischen 25 und 30 Jahren. Die in regelmäßigen Abständen folgenden Erkenntnisse aus der Arbeit decken sich nicht immer, aber immer öfter mit meiner eigenen Wahrnehmung und Einstellung.

Ingolstadt

Los geht’s:

Ingolstadt an der Donau – nur Audi-Stadt? Ingolstadt ist die fünftgrößte Stadt Bayerns und ein prosperierendes Oberzentrum mit stabiler Wirtschaftslage und guter Infrastruktur. Es handelt sich um eine provinziell geprägte Großstadt mit stetig wachsender Einwohnerzahl (rund 130.000 im Jahr 2014) aufgrund von attraktiven Jobangeboten und optimaler Lage im Zentrum Bayerns mit guten Wohnverhältnissen. Die harten, quantitativ erhebbaren Wirtschaftsfaktoren sind also gegeben. Aber warum sollte sich ein junger Mensch entscheiden, in dieser Stadt zu leben? Das Studium neigt sich dem Ende zu und langsam aber sicher stellt sich die Frage, wohin geht es? Wo gibt es gute Jobs? Welche Stadt ist spannend und bietet mir ein passendes Umfeld? Wo gibt es bezahlbaren Wohnraum und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen? Mit diesen Fragen werden hochqualifizierte Studienabgänger früher oder später konfrontiert. Diese jungen Erwachsenen stellen eine entscheidende Zielgruppe für Städte dar, denn sie sind gut ausgebildet, motiviert und im besten Alter, eine Familie zu gründen. Allerdings können sie in der heutigen Zeit frei wählen, in welcher Stadt sie leben möchten, welche Stadt ihnen mehr als nur gute Arbeitsplätze und eine gute Wirtschaftslage bieten kann.

Was macht eine Stadt attraktiv? Zu Standortfaktoren und Image

Harte Standortfaktoren bilden die Rahmenbedingungen einer Stadt. Unter harten Standortfaktoren versteht man sichtbare Aspekte, die messbar und offensichtlich sind. Infrastruktur, Verkehrsanbindung, Energieversorgung, Kommunikationsnetz, Transport- und Umlagekosten, Lohnkosten, Zugang zu Rohstoffen und Verfügbarkeit von Grund und Boden sowie Arbeitskräften sind dabei zu nennen. (Vgl. Gerginov, 2013)
In Mitteleuropa sind die harten Faktoren nahezu überall vorzufinden und unterscheiden sich kaum. Relevant für die Standortwahl werden deshalb immer mehr die weichen Standortfaktoren, die sich nicht so leicht erfassen und übertragen lassen. Bezogen auf wirtschaftliche Aspekte lassen sich das Wirtschaftsklima am Standort, das Image des Standorts, der vorherrschende Wettbewerb, das Sozialmilieu sowie ansässige Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen auflisten. Betrachtet man die Gesamtstadt sind personenbezogene Themen wie Wohnumfeld, Wohn- und Umweltqualität, soziale Infrastruktur, medizinische Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Bildungsangebot und Freizeit- und Kulturwert ausschlaggebend.

Das Zünglein an der Waage kann somit die subjektive Einschätzung sein. Da die wirtschaftlich gut aufgestellten europäischen Städte immer vergleichbarer werden, fallen weiche Standortfaktoren zunehmend ins Gewicht. Ein gut ausgebildeter, junger Mensch wägt im Falle einer Entscheidung all diese genannten Faktoren gegeneinander ab: Ein lukratives Jobangebot mit guten Aufstiegschancen gegen ein tristes Image und geringen Freizeitwert? Oder lieber einen soliden Arbeitsplatz mit schillernder Stadt, kreativem Milieu und vielfältigen Entfaltungsmöglichkeiten? Sicherlich ist dies eine höchst subjektive Einschätzung und letzten Endes eine individuelle Entscheidung. Jeder Mensch legt auf verschiedene Parameter unterschiedlichen Wert. Einige legen ihr Augenmerk auf bezahlbaren, familienfreundlichen Wohnraum, anderen sind die individuellen Karrierechancen wichtiger. Angenommen, ein gut ausgebildeter Ingenieur kann zwischen zwei gleichwertigen Anstellungsmöglichkeiten wählen, welche Faktoren fallen dann ins Gewicht?

Der Begriff Image zählt zu den wesentlichen Aspekten weicher Standortfaktoren. Doch was bedeutet Image eigentlich genau und wie beeinflusst es unsere Wahrnehmung und Meinungsbildung bezüglich eines Ortes oder einer Stadt?
Image ist ein branchenübergreifender Begriff, der Assoziationsspielräume zulässt und hohe Erwartungen weckt. Wenn wir von Image sprechen, dann meinen wir subjektive Aspekte, die der Gefühlsebene entspringen und deshalb in besonderem Maße empfunden werden. Dabei handelt es sich um einen komplexen Ausdruck, der sehr vielschichtig und mehrdimensional ist (vgl. Höppner, 2011: 8). Zum Image in Bezug auf die Stadt können eine Reihe unterschiedlicher Objekte gezählt werden, beispielsweise Räume, Plätze oder Adressen. In Bezug auf die Gesamtstadt wird das Image und damit das imaginäre Bild der Stadt immer wichtiger. Dieser Prozess erscheint auch nur logisch, da eine Stadt nicht in Gebiete unterteilt werden kann und lediglich einzelne Bereiche zum Stadtimage beitragen sollten. Eine ganzheitliche Imageanalyse muss durchgeführt werden, um ganzheitliches Imagemarketing betreiben zu können. Deshalb sollte auch beim Thema Image die gesamte Stadt betrachtet und das Augenmerk nicht nur etwa auf die Innenstadt oder auf naturräumliche Gegebenheiten gelegt werden, insbesondere dann, wenn es gilt, am Image zu feilen oder ihm eine neue Richtung zu geben. Denn solche City-Brandings erzeugen im Idealfall ein rundes Gesamtbild der Stadt, das wesentlich zur Identifikation beiträgt (vgl. ebd.).

Wird über eine fremde Stadt oder einen Ort zum Beispiel als zukünftigen Wohnort nachgedacht, stellt sich zunächst die Frage nach dem Image und der Außendarstellung. Vor Ort fällt dann aber auch das Erscheinungsbild ins Gewicht. Könnte ich mich mit dieser Stadt identifizieren? Sagt mir das Stadtbild zu? All diese emotionsbehafteten Standortfaktoren, der Knotenpunkt Image und die Identität der Stadt spielen eine ausschlaggebende Rolle beim Prozess des Entscheidens über eine positive oder negative Wahrnehmung einer Stadt. Sie sind schwer unabhängig voneinander zu betrachten, da sie sich gegenseitig beeinflussen und in Wechselwirkung zueinander stehen. Sie bilden die Grundlage der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung bezüglich eines Ortes oder einer Stadt.

Imagemäßig ist Ingolstadt nicht gut bis gar nicht aufgestellt. Die Stadt wird von außen nur mit Audi in Verbindung gebracht. Als eher negativ konnotierte, kleinbürgerliche Arbeiterstadt kann Ingolstadt in Sachen weiche Standortfaktoren bzw. Image bei jungen Leuten nicht punkten.

»Der Stadtraum ist ein psychologischer Raum,
ein Raum für die Seele.
Und was braucht die Seele – Schönheit.«

Stadtdenker nach Paola Abizrra in Scala
2012: 10

to be continued…

InGOLDcity II

InGOLDcity III – Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu

InGOLDcity IV – Lieblingsort oder Hassort

InGOLDcity V – Nischenkultur bedeutet…

InGOLDcity VI – diggin‘ for gold

InGOLDcity VII – für mutige Goldschmiede

von Ingolstadt zu InGOLDcity – 1. Eigenes Profil entwickeln

Quellen:
Fröbe, Turit: Stadtdenker. Ein Spielraum für urbane Entdeckungen. Berlin: Jovis 2014.

Gerginov, David: Weiche Standortfaktoren: Eine Definition verdeutlicht den Unterschied zu den harten Standortfaktoren. o.O. 2013. URL: http://www.gevestor.de/details/weiche-standortfaktoren-einedefinition-verdeutlicht-den-unterschied-zu-den-harten-standortfaktoren-678077.html (abgerufen am 20.09.2014)

Höppner, Tobias: Der Image-Begriff in der Stadtentwicklung, in: Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) (Hrsg.), Stadtentwicklung und Image. Städtebauliche Großprojekte in Metropolräumen. Berlin 2011. URL:
http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Veroeffentlichungen/BMVBS/Forschungen/2011/Heft150_DL.pdf;jsessionid=4A36093777B6077B6C6977614686BB6F.live1042?__blob=publicationFile&v=2 (abgerufen am 20.09.2014)

17 Gedanken zu „InGOLDcity I – Was macht eine Stadt attraktiv?

  1. Patrick

    Guter Artikel. Ich bin auch in Ingolstadt aufgewachsen. Aktuell fallen mir zu dieser Stadt nur zwei Schlagworte ein: Verkehrsproblem und unbezahlbarer Wohnraum.
    Ingolstadt hat sich leider zu einer reinen „Staustadt“ entwickelt. Und wir haben Ingolstadt hauptsächlich aus einem Grund verlassen: dem Immobilienmarkt.
    Wir, weil zuerst ist meine Schwester in den Landkreis Pfaffenhofen „geflüchtet“ ist, dann meine Frau und ich, dann Freunde und letztendlich auch meine Eltern. Eigentlich schade, aber andererseits auch schön.

    Antworten
  2. Anna

    V.a. der letzte Absatz vor dem Stadtdenker-Zitat ist vollkommen zutreffend. Auch Patricks Aussage kann man nur zustimmen.
    Und das ist schade , denn geschichtlich hat Ingolstadt was zu bieten, was gerade total untergeht vor dem Hintergrund aktueller Alltagsprobleme (Staus, Immo-Preise) und dem fehlenden Kultur- und „freigeistlichen“ Freizeit-Angebot.
    Bin gespannt auf die Fortsetzung und Ergebnisse /Lösungsvorschläge!

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