InGOLDcity II

Im letzten Artikel habe ich einleitend einen Umriss über die Themen Standortfaktoren und Image gegeben. Heute mache ich zwei neue Fässer auf: Baukultur und Lebensqualität. Und mit Baukultur macht man im wahrsten Sinne des Wortes ein riesen Fass auf – möglicherweise auch ohne Boden.

Baukultur zählt für mich zu den Standortfaktoren, denn spricht man vom Erscheinungsbild einer Stadt als Standortfaktor, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Baukultur. Das äußere Erscheinungsbild tritt dabei als naheliegendster Aspekt in den Vordergrund. Es wird als erstes wahrgenommen und ist einfach erfahrbar, sozusagen auf den ersten Blick. Die Stadt und ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Baukultur. Doch was bedeutet eigentlich Baukultur? Ein Begriff, der so aufgebläht daher kommt und auch oft verzerrt, ausgedehnt und überdehnt wird. Aber es gibt auch keine eindeutige Definition.

Ziemlich genau vor einem Jahr erschien die Publikation Stadtdenker – ein „Stadtexperiment“ durchgeführt von einer Gruppe Studenten in Paderborn, gefördert durch den Bund im Rahmen des Forschungsprogramms Experimenteller Wohnungs- und Städtebau. Gleich zu Beginn der Publikation werden der Architekt und Soziologe Werner Durth (Mitherausgeber der Zeitschriften ARCH+ und Stadtbauwelt sowie Professor an der Uni Darmstadt) und Paul Sigel (Professuren unter anderem an der TU Dresden und der TU Berlin und Autor zahlreicher Publikationen) zitiert. Man sieht, die beiden müssen gescheite Menschen sein, die wissen sollten, wovon sie sprechen. Zum Thema Baukultur in Berlin im Jahr 2010 haben die beiden Folgendes gesagt:

»Kaum ein anderer Begriff wurde in den Architektur- und Planungsdebatten im letzten Jahrzehnt […] derart strapaziert, so vieldeutig und missverständlich […] verwandt wie der Begriff Baukultur. Seine fragwürdige Karriere verdankt er dem offensichtlichen Mangel an dem, was er umschreibt und erwarten lässt, dem beklagten Mangel an menschenfreundlicher Gestaltung der gebauten Umwelt, die den vielfältigen Bedürfnissen ihrer Bewohner entspricht, von ihnen gepflegt und vielleicht sogar geliebt wird, weil sie jenseits aller Nützlichkeit durch ihre Schönheit berührt, Geborgenheit bietet und mehr verspricht als eine notdürftige Behausung auf Zeit an wechselnden Orten.«

Dieses treffende Zitat sagt aus, dass Baukultur weniger objektiv messbar ist, sondern dass allein der Mensch mit seiner subjektiven Wahrnehmung Maßstab für gute oder schlechte Baukultur sein kann (vgl. Fröbe, 2014: 12). Folglich kann Baukultur am Verhalten der Menschen abgelesen werden. Räume, Plätze und Straßenzüge, die ansprechend für Bewohner und Besucher sind, werden angenommen, sind belebt, lassen Nutzungsspielräume und emotionale Verknüpfungen zu, die dann Erinnerungen hervorrufen. Aber es reicht eben nicht, losgelöst von jeglicher Stadtidentität eine Reihe schöner Gebäude nebeneinander zu stellen, ein Blumenbeet anzulegen und ein Wasserspiel in der Mitte zu platzieren, um von guter Baukultur zu sprechen und die Akzeptanz der Bürger zu erlangen. Die Stadtdenker vergleichen die Stadt mit einem Organismus. Sie sagen, sie sei nur in ihrer Ganzheit zu verstehen und einer stetigen Entwicklung und einem Wandel unterworfen (vgl.Fröbe, 2014: 12). Und jeder Organismus besteht aus zwei Erscheinungsbildern. Zunächst nehmen wir das äußere Bild wahr. Blickt man tiefer, gibt es da noch den Charakter, die Identität hinter der Fassade. So hat auch jede Stadt zum einen ein Gesicht, zum anderen auch ein eigenes Wesen, das beispielsweise durch die Historie und durch naturräumliche Gegebenheiten geprägt ist. (Vgl. ebd) Und eben dieses Wesen sollte zum Vorschein gebracht werden, denn das ist das Alleinstellungsmerkmal einer jeden Stadt, also das WESENtliche. Die Planer sollten nicht den (armseligen) Versuch unternehmen, andere Identitäten in der Stadt zu drapieren.

Zoomen wir tiefer in die Stadt hinein, verschärft sich der Fokus auf die Lebensqualität in einer Stadt. In unzähligen Studien werden weltweit die Städte mit der höchsten Lebensqualität gesucht und füttern das Ansehen etablierter Global-Player-Städte, die scheinbar in der Lage sind, allen Menschen die perfekte Heimat zu bieten. Der Begriff Lebensqualität ist ein viel verwendeter Begriff, der sich in den verschiedensten Sparten und Lebensbereichen wiederfindet. Es gibt unzählige Ratgeber, die uns aufzeigen wollen, wie wir unsere persönliche Lebensqualität steigern können. Denn offensichtlich ist Lebensqualität etwas, das man steigern sollte. (Vgl. Kawka et al., 2006: 309) So wird es uns zumindest in diversen Magazinen und Fernsehreportagen suggeriert. Angefangen bei der Glücksforschung und Selbstfindung über Methoden zur Steigerung des Wohlbefindens und Ernährungsumstellung zu Bio-Trennkost mit bewusstem Fleischkonsum oder gar Veganismus bis hin zur Meditation und allen Arten von Yoga, um den Flow wieder in unser Leben bringen. Es hat den Anschein, als würde sich die Wohlstandsgesellschaft immer bizarrere Themen suchen, um dem Alltagstrott zu entfliehen und sich durch immer extremere und speziellere Interessen oder Hobbys von anderen abzugrenzen. Es herrscht sozusagen ein gesellschaftlicher Wettbewerb um den spannendsten Lebensstil, der Kreativität aber auch Disziplin und Durchhaltevermögen voraussetzt und deshalb nicht von jedermann erreicht und gehalten werden kann. Auch in diversen Städterankings wird von Lebensqualität gesprochen und diese wird analysiert, um die lebenswerteste Stadt herauszufiltern. Ähnlich wie die Lebensqualität im alltagstheoretischen und gesellschaftlichen Kontext wird der Begriff im Zusammenhang mit Städten auch inflationär ausgeschlachtet. Nahezu jede Zeitung oder Zeitschrift hat schon einmal ein Ranking veröffentlicht, das den Wettbewerb um das beste Image und, letzten Endes, um Bürger anheizt. Doch was dies genau bedeutet, wie sich Lebensqualität definiert, ist zweitrangig beziehungsweise wird der jeweiligen Situation und dem Themengebiet beliebig angepasst. (Vgl. Kawka et al., 2006: 309) Aufgrund der allgegenwärtigen Verwendung seitens der Medien hat jeder eine gewisse Vorstellung von den Faktoren, die die Lebensqualität ausmachen. Aber um ein fundiertes und vergleichbares Ergebnis sicherzustellen, bedarf es einer möglichst präzisen, wissenschaftlichen Definition. Gerade das gestaltet sich allerdings vergleichsweise schwierig, denn der Begriff Lebensqualität in Bezug auf Städte und Wohnorte setzt sich in der empirischen Forschung aus zwei Komponenten zusammen: den objektiven Gegebenheiten und den subjektiven Bedürfnissen des Einzelnen. (Vgl. ebd.) Die harten Faktoren, also die objektiven Bedingungen sind dabei noch relativ einfach zu untersuchen, denn diese Daten sind quantitativ erhebbar. Ausschlaggebend sind Faktoren wie Einkommen, Einkommensverwendung, Wohnverhältnisse, Beschäftigungsart, Gesundheit, Bildung und Partizipation. Aber auch Daten über Lärmbelästigung, Luftverschmutzung, Landschaftsschäden oder Abwasserbelastung beeinflussen die Lebensqualität in einer Stadt. (Vgl. Maderthaner, 1995: 176) Neben diesen Gegebenheiten spielt aber das subjektive Empfinden der Menschen eine ebenso prägnante Rolle, wenn nicht sogar die ausschlaggebendere. Zweifelsohne sind der wirtschaftliche Status einer Stadt sowie ihre Infrastruktur und der Lebensstandard der Bewohner entscheidend und stellen im Prinzip die Rahmenbedingungen dar. Aber ohne die Zufriedenheit und die Möglichkeit zur Erfüllung der individuellen Bedürfnisse der Bewohner gibt es keine hohe Lebensqualität. Lebensqualität setzt sich somit aus verschiedenen Faktoren zusammen, die objektiven oder subjektiven Aspekten unterliegen.

Heutzutage konkurrieren vor allem europäische und amerikanische Städte um den begehrten Titel lebenswerteste Stadt. Erreichen wollen sie dieses Ziel vor allem durch überörtliche Präsenz aufgrund von prestigeträchtigen Großprojekten, die Ausstrahlungskraft haben und internationale Aufmerksamkeit erlangen. Der Tourismus soll dadurch angekurbelt und kapitalstarke Unternehmen sollen angeworben werden. Die Vermarktung spielt bei diesen Inszenierungen eine herausragende Rolle. Das Stadtmarketing soll bestenfalls Tradition und Moderne der Stadt vereinen und eine unverwechselbare Identität der Stadt vermitteln, Fremdenverkehr anlocken und internationale Veranstaltungen, wie zum Beispiel Kongresse, etablieren. (Vgl. Europäische Gemeinschaften, 1999: 19) Diese Bestrebungen mögen vielleicht die Wettbewerbsposition einer Stadt stärken, aber nicht alle Bewohner sehen es positiv, den eigenen Wohnort als Marke zu verheizen. Denn damit gehen auch immer ein größeres Verkehrsaufkommen und eine höhere Frequentierung einher. Auch die Eventisierung einer Stadt wird deshalb von vielen Bewohnern kritisch gesehen. (Hallo Ingolstädter Fress- und Saufevents, Hallo armer Paradeplatz, der du so viele Kitschbuden und Bierbänke aushalten musst. Aber genau das verlangen doch die Bürger von der Stadt, oder? Dass was los ist in der Stadt?! Also alle jungen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, pfeifen auf Mittelalterfeste, Bierfeste oder improvisierte Eisflächen, das kann nicht die kulturelle Vielfalt einer Stadt sein.)

Fazit dieser fetten Theorieblocks (es muss leider sein, sorry) ist, Ingolstadt braucht dringend mal eine Richtung, in die es stadtplanerisch gehen soll. Ein Leitbild, das durch klare Leitziele definiert und erreicht wird. Denn dann kann auch das Stadtbild dementsprechend weiterentwickelt werden. Momentan gleicht die Planung eher einem Flickenteppich, in dem mal hier mal da irgendwelche Löcher irgendwie ganz schnell gestopft werden, ohne Gesamtzusammenhang und übergeordnete Leitvorstellung, ja jetzt kommt das Wort: ohne Vision für Ingolstadt.

Gegenüberstellung Theorie und PraxisObjektiv betrachtet ist Ingolstadt eine GOLDstadt mit höchster Lebensqualität: Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum, AUDI – wirklich eine Boomtown die Boomt, Boomt, Boomt. Aber, der aufmerksame StadtRaumLeben-Leser weiß spätestens jetzt, dass das allein nicht die Lebensqualität bestimmt. Der Einzelne muss seine subjektiven Bedürfnisse erfüllen können. Wenn wir davon ausgehen, dass die junge Generation noch nie zuvor so gut ausgebildet war wie heute und zukünftig auch eine Vielzahl Hochqualifizierter heranwächst, die es sich aufgrund ihrer Bildung leisten kann, wählerisch zu sein was ihren Wohn- und Arbeitsstandort angeht, ist die Frage nach den Bedürfnissen dieser Zielgruppe für die Städte essenziell. Sie stellen sich nicht mehr nur die Frage nach den beruflichen Chancen oder der guten technischen Infrastruktur einer Stadt. Nein, sie können im Prinzip überall arbeiten und haben das große Privileg, aus einem Pool von Argumenten für oder gegen eine Stadt zu schöpfen. Da fallen Freizeitangebote, Ausstrahlung, Kunst, Clubs, Atmosphäre und Szenen eines Standorts wesentlich mehr ins Gewicht.

Vielzahl an Möglichkeiten: Eigene Darstellung unter Verwendung der Abbildung http://maennerland-hannover.de/wp-content/ uploads/2014/07/hipster.jpg

Allein das Chancenpotenzial einer Stadt reicht aus, um anziehend zu sein, auch wenn man niemals das komplette Angebot ausschöpfen kann oder will. Vielzahl an Möglichkeiten: Eigene Darstellung unter Verwendung der Abbildung http://maennerland-hannover.de/wp-content/ uploads/2014/07/hipster.jpg

Technologie, Talent und Toleranz, sozusagen die Tripple Ts, sind Indikatoren für kreative Städte und nur dort, wo alle drei gemeinsam gegeben sind, gibt es einen Nährboden für ein innovatives und kreatives Milieu. Für ein namhaftes Unternehmen ist es relativ unwichtig, wo ob der Standort in München oder in Hamburg ist. Was aber nicht übertragbar ist, ist das kulturelle Image, das kreative Umfeld, die Liebe zur Heimat der Bevölkerung und die damit einhergehende Identifikation. (Vgl. Hank, 2008) Stadt braucht Vielfalt, Vielfalt in jeder Hinsicht. Ist eine Stadt in der Lage, ein innovatives Umfeld zu beherbergen, so können sich die einzelnen Bevölkerungsgruppen gegenseitig inspirieren. Sie sind damit nicht nur füreinander Impulsgeber, sondern auch Nährboden für ein kreatives Milieu. Weiche Aspekte trumpfen auf! Junge Leute (und nicht nur die) wollen eine Stadt mit Identität, die die Vergangenheit und Traditionen zeigt und pflegt, aber auch offen für neue Impulse und Zeitgeist ist. Eine Stadtidentität, mit der sich die Bürger identifizieren können. Eine Stadt, die der Kunst und Kultur Räume öffnet. Eine Stadt, in der alle einen Platz und ihre Berechtigung haben und berücksichtigt werden. Eine gewachsene Stadt mit frischem, wohlwollendem Blick sozusagen.

InGOLDcity III – Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu

InGOLDcity IV – Lieblingsort oder Hassort

InGOLDcity V – Nischenkultur bedeutet…

InGOLDcity VI – diggin‘ for gold

InGOLDcity VII – für mutige Goldschmiede

von Ingolstadt zu InGOLDcity – 1. Eigenes Profil entwickeln

Quellen:
Europäische Gemeinschaften (Hrsg.): Bewertung von Lebensqualität in
europäischen Regionen und Städten. Luxemburg 1999

Fröbe, Turit: Stadtdenker. Ein Spielraum für urbane Entdeckungen. Berlin:
Jovis 2014

Hank, Rainer: Zehn deutsche Städte im Test: Wohin zieht es die kreative
Klasse? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Hrsg.) Deutschlands
lebendigste Städte. Wohin zieht die kreative Klasse?
Frankfurt 2008. URL: http://rubinstream.dom.de/staedte/
article.php?txtid=einfuehrung (abgerufen am 29.09.2014)

Kawka, Rupert et al.: Objektive regionale Lebensqualität und subjektives
Wohlbefinden. Was macht Bürgerinnen und Bürger zufrieden? in:
Informationen zur Raumentwicklung. Stuttgart: Steiner 2006

Maderthaner, Rainer: Soziale Faktoren urbander Lebensqualität, in:
Keul, Alexander (Hrsg.), Wohlbefinden in der Stadt. Umweltund
gesundheitspsychologische Perspektiven. Weinheim: BELTZ
Psychologie Verlags Union 1995

11 Gedanken zu „InGOLDcity II

  1. Magdalena

    Hallo,

    ich lese euren Blog wirklich gern und finde die Aufmachung und die Herangehensweise echt toll.
    Das wollte ich nur mal anmerken. Bitte mehr! 😉

    Antworten
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