InGOLDcity VII – Für mutige Goldschmiede

Was kann die Stadt Ingolstadt tun, um für junge Erwachsene attraktiv zu sein und um positiv wahrgenommen zu werden? Zu Beginn InGOLDcity I wurde die Roland Berger Studie erläutert, die die Gedanken des Urbanisten Richard Florida aufgreift. Technologie, Talent und Toleranz: Die Triple Ts sind ausschlaggebende Faktoren für gut ausgebildete, junge Erwachsene. Toleranz ist das Stichwort für Ingolstadt.Nur Mut! Sagt auch das Theater Ingolstadt in dieser Spielzeit
In Ingolstadt ist man noch sehr stark Provinz-behaftet. Dies zeichnet sich sowohl in der Stadtstruktur und bei einem Großteil der Bürger ab. Es gibt kaum innovative Ideen, keine Visionen für die Stadt. Es gibt keine Identität. Es gibt kein Bewusstsein für Nischenkultur und ihre Relevanz für eine Stadt. Man ist der Ansicht, Angebote müssen von oben herab geschaffen werden. Den Leuten muss alles fix und fertig vorgesetzt und im beabsichtigten Sinne genutzt werden. Alle jungen Leute der befragten Fokusgruppe sind sich einig, dass die Stadtverwaltung keine eindeutige Richtung einschlägt. Der Stadt fehlt dazu offensichtlich noch das Gespür und das Verständnis für die Bedürfnisse junger Erwachsener, der Blick über den Tellerrand. Es existiert ein starker Ordnungsgedanke. Wie soll es da so einfach gehen, einen geradezu verwegenen Gedanken der kreativen Bespielung der Stadt offiziell zuzulassen? Die Subkultur mit all ihren Auswüchsen erscheint als undefinierbares Wesen zu existieren, das nicht so recht einzuordnen ist. Dessen Wünsche zu paradox und nicht greifbar sind. Als hätte sie eine Art zerstörerische Kraft, die – unkontrolliert – Häuser demoliert, Anwohner ärgert und Katz und Maus mit der Stadtverwaltung spielt. Was soll das sein, Nischen- oder Subkultur? Wofür ist sie gut und was braucht sie? Und viel wichtiger ist: Was kommt dabei heraus? Vielleicht hat Ingolstadt Angst davor, die Zügel aus der Hand zu geben, aus Ungewissheit, was passieren kann. Vielleicht hat man Angst, das Gesicht zu verlieren, wenn man nicht ganz genau weiß, wo was wann wie hinführt und welche Dynamik es nach sich zieht?

Zu allererst braucht es deshalb Mut! Fast alle Befragten der Fokusgruppe, Studenten, Künstler und auch Beheimatete, wünschen sich ausdrücklich mehr Mut für Ingolstadt. Mut, Neues auszuprobieren, Mut sich für das Ungewisse zu entscheiden, ja sogar Mut zum Scheitern! Kreativität kann man nicht planen, genauso wenig wie die Entwicklung einer kreativen Zwischennutzung. Damit einhergehend kann auch kein wirtschaftlicher Erfolg garantiert werden. Dieser sollte aber auch nicht im Vordergrund des Prozesses stehen. Vorrangig ist die Sache an sich. Die Bespielung offener Räume, die kreative und frische Auseinandersetzung mit der vorhandenen Baustruktur. Die gebaute Militärstadt nicht mehr nur als tote Kulisse zu sehen, sondern sie anzunehmen, einzutauchen, zu benutzen, neu zu interpretieren, positiv zu besetzen und wieder ins Stadtbild zu integrieren. Dieser Mut geht einher mit dem Loslassen der alteingesessenen, festgezurrten Verhältnisse. Das ist genau die Schwierigkeit: Die Stadtverwaltung zusammen mit planenden und ausübenden Kräften sind dazu angehalten, loszulassen. Loslassen. Das ist genau gegenteilig zu dem herkömmlichen Arbeitsablauf beispielsweise bei klassischen städtebaulichen Projekten. Kreative Milieus lassen sich aber eben nicht top-down planen. Nischenkultur lebt vom Informellen, vom Spontanen. Es geht darum, kurzfristig einen Ort auszumachen, ihn auf individuelle Art zu lesen und sich anzueignen. Sei es auch nur für eine Guerilla-Aktion, wie zum Beispiel eine Underground-Party oder ein gespraytes Bild. Oder der Ort wird mittelfristig auserkoren als urbaner Skate- oder BMX-Platz oder als Treffpunkt bestimmter Gruppierungen.

Es scheint so, als müsste man den Ingolstädtern alles vorsetzen, als könnten die technisch orientierten Ingolstädter nicht selbst kreativ mit ihren Räumen umgehen. Oder als traue man den Bürgern nicht genug zu. Die Struktur der Stadt und die Bewohnerschaft sprechen nicht für eine kreative Stadt. Die Schanzer verschanzen sich immer noch und kriegen diese Grenzen nicht so ganz aus ihren Köpfen. Man will ja schon mehr schöne Cafés und Treffpunkte, aber es gibt keine Leute, die wirklich etwas Neues außerhalb des Mainstreams wagen. Warum ist das so? Vielleicht, weil potenzielle Betreiber befürchten, in Ingolstadt nicht genügend Kundschaft zu haben, um sich halten zu können? Vielleicht brauchen wir nicht nur ein durchmischtes Angebot innerhalb der Stadt, sondern auch eine Durchmischung innerhalb der Bevölkerung. Gerade Zugezogene, Neulinge, brauchen eine Art zweites Wohnzimmer, einen Treffpunkt, wo sie auf Gleichgesinnte treffen. Bei Studenten und Berufseinsteigern, die eben aufgrund des Studiums oder des Berufes zuziehen, ist genau das der Fall. Sie brauchen Orte, an denen sie Netzwerke knüpfen können. Das können Vereine, Cafés, Bars oder Kneipen sein. Ein Ort, der einem mit der Zeit vertraut ist, an dem man das Personal kennt und die Besucher kennt.

Die Dynamik des Entstehens von nichtkommerzieller Kultur muss nicht nur toleriert, sondern akzeptiert und ausdrücklich gewünscht sein. Ansonsten wandern kreative Köpfe ab nach München oder vorzugsweise nach Berlin, wo der Bohèmeanteil groß ist, die Mieten gering sind, das Selbstverwirklichungspotenzial enorm und eine Underground- und Clubszene vorhanden ist.

InGOLDcity I InGOLDcity II    InGOLDcity III     InGOLDcity IV     InGOLDcity V    InGOLDcity VI

InGOLDcity VIII

von Ingolstadt zu InGOLDcity – 1. Eigenes Profil entwickeln

6 Gedanken zu „InGOLDcity VII – Für mutige Goldschmiede

  1. Bettina

    Eine gut getroffene Beschreibung der Situation Ingolstadts! Jetzt wo sich die Stadt immer mehr zurückzieht aus der Kulturförderung ist es an der Zeit das kreative Potential in der Bevölkerung anzuzapfen. Es ist vorhanden, aber viele Ansätze schlummern in einer Nische vor sich hin. Es fehlt tatsächlich das Selbstbewusstsein der Akteure sich der Stadt und dem Mainstream zu widersetzen und sich offen zu zeigen! Wie ist es sonst zu erklären, dass sich ein „March against Monsanto“ auf den Paradeplatz zurückzieht und nicht auf dem Rathausplatz inmitten der Stadt positioniert? Ebenso einen Flashmob der Kulturszene im letzten Winkel des Theatervorplatzes abgehalten wird? Das sind Anzeichen einer verzweifelten Zerissenheit zwischen Anpassung und Individualität. Durch das Netzwerk Achtung Kultur werden nun immerhin die verschiedenen Ansätze besser sichtbar. Darauf gilt es aufzubauen. Schön wäre auch eine offenere Diskussionskultur mit Foren oder Workshops an denen sich jeder Bürger beteiligen kann und die explizit nicht von der Stadt oder einer sonstigen öffentlichen Institution organisiert werden um Ideen zu entwickeln, Verbündete zu finden und vor allem Mut zuzusprechen wo Selbstbewusstsein noch nicht vorhanden ist.

    Antworten
  2. Pingback: InGOLDcity VIII – Akzeptanz und Förderung | StadtRaumLeben

  3. Pingback: InGOLDcity I – Was macht eine Stadt attraktiv? | StadtRaumLeben

  4. Pingback: InGOLDcity VI – diggin‘ for gold | StadtRaumLeben

  5. Pingback: von Ingolstadt zu InGOLDcity – 3. Teufelskreis Techniker-Stadt durchbrechen | StadtRaumLeben

  6. Pingback: von Ingolstadt zu InGOLDcity – 5. Mutig sein | StadtRaumLeben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.