Ingolstadt-Spuren – Eröffnungswochenende des neuen Altstadttheaters Ingolstadt

stadtraumleben auf SpurensucheLeni Brem und Falco Blome sind die neuen künstlerischen Leiter des Altstadttheaters. Sie luden vom 27.10. bis 30.10. zum verlängerten Eröffnungswochenende ins neue alte Altstadttheater ein. stadtraumleben war am Samstag bei den >Ingolstadt-Spuren< mit dabei und durfte sich auf Spurensuche durch Ingolstadt machen.

Es hätte nicht besser passen können – wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, denn es sind genau die Themen, mit denen sich stadtraumleben vor allem in Ingolstadt auseinandersetzt: Wie sehen wir unsere Stadt Ingolstadt? Fühle ich mich hier zugehörig? Kann ich mich mit der Stadt identifizieren? Was macht Heimat aus? Dabei standen in ersten Linie persönliche Geschichten im Vordergrund: von waschechten Ingolstädtern und Zuagroasten, Wiederkehrern und sesshaft Gewordenen.

In 80 Minuten durch die Stadt – Echte Persönlichkeiten erzählen echte, ungeschönte Geschichten vor sanierten, schönen Gebäuden

Der gefilmte Stadtspaziergang beginnt im Altstadttheater, während Leni Brehm aus dem Off den Abend einleitet und ihre Protagonisten ankündigt. Diese treten einzeln auf die Bühne vor die Leinwand, um dem Publikum für ein paar Minuten ihre Wahrnehmung der Stadt Ingolstadt näherzubringen. Der Film läuft im Hintergrund, während die Akteure auf der Bühne ganz ungeschliffen und authentisch ihre Geschichten erzählen, mal ironisch und witzig verpackt, mal ohne Worte nur mit Gesten. Als Kulisse dient ihnen nichts weniger als die Stadt Ingolstadt persönlich und diese bietet bekanntermaßen besonders viel Projektionsfläche. Vorbei ziehen menschenleere Straßen, stadtraumleben-Lieblingsorte und Hassorte, herzallerliebst sanierte Innenstadt-Häuser, Unorte und Identifikationsorte. Sie alle werden im Laufe des Abends mit Geschichten gefüllt.

Die Hauptpersonen des Abends "Ingolstadt-Spuren"Da sind zum einen die gebürtigen Ingolstädter Amelie Bauer, Francesca Pane, Jens Rohrer, Milan Römisch, Bettina Krugsperger und Franziska Vogler, die Ingolstadt mit Kindheit und Beständigkeit verbinden. Da sind die hellen und wilden Tage präsent, Erinnerungen, die sich eingebrannt haben, bevor man Erwachsen wird und realisiert, dass nicht alles perfekt ist. Und da gerät dann auch ein Ingolstädter Original ins Wanken, wenn es um die Lebensqualität und Identifikation als junger Erwachsener geht. Franziska Vogler kennt dieses Hin und Her zwischen weggehen wollen und doch gern wiederkommen. Wenn man seinem Besuch peinlich berührt erklären muss, dass es mit der Club- und Barszene hier nicht so weit her ist und sich dabei fühlt, wie damals in der Schule, wenn man beim Gedicht aufsagen vor der Klasse die Verse vergisst. Und solchen Situationen folgen dann die Momente, in denen man wütend wird auf seine Stadt und sich fragt, warum andere Städte so viel mehr Vielfalt, so viel mehr Nischen haben und so viel mehr Freiheiten bieten. Dann packt uns Franziska Vogler aber auch an der eigenen Nase: Wir – gerade wir jungen Leute – jammern über die Zustände, tun aber nichts. Auch Milan Römisch nimmt die Bewohner in Pflicht. Kritisieren ist immer einfacher, als sich bewusst auseinanderzusetzen. Es komme auf die Einstellung an. Schaut man mit liebendem Auge auf die Dinge, mit wohlwollendem Blick, ist die Stadt vielleicht doch gar nicht so verkehrt. Jens Rohrer hingegen lässt uns mit seiner Kurzgeschichte wenig hoffen. Auf wundersame Weise findet er sich in der Zukunft in Ingolstadt wieder und trotz technischen Fortschritts und fliegender Autos gibt es keine Bewegung und Innovation für die Stadt – im Gegenteil.

Francesca Panes Monopoly des Lebens: Begonnen bei der Kindheit "Meine Straße, mein Zuhause, mein Block" bis hin zum Ereignisfeld Zukunft.

Francesca Panes Monopoly des Lebens: Begonnen bei der Kindheit „Meine Straße, mein Zuhause, mein Block“ bis hin zum Ereignisfeld Zukunft.

Eva Leopoldis und Anton Tyrollers >Ingolstadt in Tönen< verknüpft Szeneorte mit Tönen, Musik Traditionen und Tatsachen. Die Momentaufnahmen erzeugen Stimmungsbilder und zeigen typische Stadtmomente:

Ingolstadt macht es vor allem Zugezogenen nicht leicht, die Stadt zu lieben. Maxi Grabmaier, Svetlana Potten, Claudia Künzel, Eva Leopoldi, Karolina Luegmair, Denise Matthey, Carmen Mayer und Anton Tyroller sind die Zuagroasten des Abends. Man kommt als Fremdling in diese vermeintliche Großstadt mit dieser seltsam omnipräsenten Schanz und ihren patriotischen Schanzern (Funfact, der nichts mit dem Abend zu tun hat aber gerade passt: Es gibt einen FC- Ingolstadt Fanclub, dessen Mitglieder sich Schwanzer nennen und die auf ihrem Fanschal einen Panther mit Penis tragen).
Da tut sich eine scheinbar unüberbrückbare Kluft auf. Für Besucher bei schönem Wetter ist Ingolstadt ein Träumchen: Das verschlafene Städtchen mit den hübschen Häusern und den gut situierten Menschen. Wie aus dem Märchen! Wie eine Filmkulisse eines surrealen Städtchens. Leider zu aalglatt für Zugezogene, die sich heimisch fühlen und sich Orte aneignen wollen. Allerdings so ohne Ecken und Kanten ist das mit dem Aneignen gar nicht so leicht.

Die Schauspielerin Denise Matthey ist leider nicht physisch anwesend, da sie Ingolstadt bereits den Rücken gekehrt hat. Über Tape lässt sie uns an ihren Tagebucheinträgen während ihrer Zeit in Ingolstadt teilhaben. Für sie war der Ingolstadt-Aufenthalt immer ein bisschen wie ein Besuch bei der strengen Tante. Ordentlich anziehen, gerade sitzen und immer schön Bitte und Danke sagen. Alles hat seine Ordnung, alles ist geregelt. Hallo und Tschüß wird ganz klar mit Grüß Gott und Auf Wiederschaun erwidert. Denise Matthey steht an diesem Abend stellvertretend für viele Zuagroaste, für die Ingolstadt nur ein Zwischenstopp ist bzw. war. Man fühlt sich nicht richtig zugehörig, wird nicht wirklich warm mit der Stadt. Aus dieser Perspektive kann man Ingolstadt als Zwischenstadt bezeichnen. Für Kinder ein toller Ort, um groß zu werden. Später dann, mit beiden Beinen fest im Leben, ein guter Ort, um eine Familie zu gründen. Aber so dazwischen? Ein netter Wohnort bzw. Arbeitsort für Zwischendrin, als Übergang und dann nichts wie weg. „Das beste an Ingolstadt ist die Zugverbindung nach München.“ Man muss sich schon immer die Fluchtmöglichkeit offen halten. Ingolstadt wirklich irgendwann als Heimat zu bezeichnen, gelingt nicht oft. Und doch werden auch Zuagroaste von Ingolstadt geprägt. Da fährt man nichts ahnend auf der Autobahn Richtung Graz und dann ist da vor einem ein Auto mit Ingolstädter Kennzeichen! Verrückt! Da will man natürlich gleich überholen und schauen wer da drin sitzt. Ingolstadt ist ein Dorf, da weiß man nie!
Und wenn man als Norddeutscher ganz automatisch und unbedacht ein kleines „Mei“ in seine Sätze einbaut, dann stellt man erschrocken fest, dass Ingolstadt Spuren hinterlässt. Rückblickend als Geflohener sind sich viele an diesem Abend einig: So aus der Distanz betrachtet, ist Ingolstadt dann doch liebenswert. Ein verklärter Blick?

Was da doch immer so mitschwingt und sich wie ein roter Faden durch den Abend zieht, ist diese Ambivalenz. Die Stadt stößt einen ab, aber zieht auch wieder an. Amelie Bauer vergleicht Ingolstadt mit Familie, die einen erdrückt und einengt, von der man sich ab einem bestimmten Punkt lösen will, an der man sich reibt, die einen aber dann doch immer wieder aufnimmt und umarmt. Man kann sich hier einkuscheln oder aufreiben. Fakt ist, Es darf gefeiert werden! #vielleichtsolltenwirhieralleeinfachtanzenes existiert ein starker Ordnungsgedanke. Alles muss geordnet sein und in geregelten Bahnen verlaufen. Alternative Kultur und Underground spielen eine unterordnete bis gar keine Rolle. Sie haben noch keinen Platz in einer Techniker Stadt. Und trotzdem möchte man an diesem Abend glauben, dass Ingolstadt liebenswert sein kann. People make places. Genau das ist der Punkt. Dich selbst nimmst du immer mit. Wenn es gelingt, ein gutes soziales Netzwerk aufzubauen und die individuellen Bedürfnisse zu erfüllen, dann Jackpot!

Leni Brem und Falco Blome wollen nicht nur Theater machen, sondern ihre Bühne für Musik, Lesungen und Kabarett öffnen. Was wir uns wünschen würden, wäre auch eine räumliche Öffnung, eine temporäre Bespielung von Orten außerhalb des Theaters, um die Stadt und die Ingolstädter an Ort und Stelle zu erreichen. Das puristische Logo und das unverstaubt daher kommende Programm zielen auf eine erweiterte Zielgruppe ab und das zeigt sich auch im Programm: Zum Beispiel Monaco F von >Doppel D< tritt am 10.12. aufs Parkett. Bayernrap vom Feinsten: der Watschnbaam – classic! Also machts an Schua ins Altstadttheater.

Kurz vorgestellt: die Protagonisten des Abends

Kurz vorgestellt: die Protagonisten des Abends

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