LaLeLu, nur der Mann im Mond schaut zu – InGOLDcity III

Nach diesen glitzernden, taktvollen und sonnigen Sommerwochen mit Park(ing) Day und Festivals geht’s hier weiter mit der Mission InGOLDcity! Hier die vorangegangen Texte InGOLDcity I und InGOLDcity II

Ingolstadt ist im wahrsten Sinne des Wortes eine junge Großstadt. Sie ist nicht nur die jüngste Großstadt Deutschlands, sondern auch im Hinblick auf den Altersdurchschnitt bleibt Ingolstadt jung. Die Altersgruppe der 16 bis unter 40-Jährigen ist bis 2032 die am stärksten vertretene. Für die Stadt ist sie somit definitiv und tatsächlich eine extrem wichtige Zielgruppe, deren Ansprüche an eine moderne Großstadt gerecht zu werden ist.

Um sich in aller Tiefe mit der Struktur der Stadt Ingolstadt und ihrem Entwicklungspotenzial hinsichtlich Kreativwirtschaft und Subkulturen auseinanderzusetzen, sollte zunächst die historische Entwicklung der Stadt genauer betrachtet werden. Die Stadtgeschichte ist in vielerlei Hinsicht dramatisch und rasant verlaufen. Erst im Jahr 1989 durchbrach sie die 100.000er-Großstadt-Marke und ist seither nach wie vor ein sehr aufstrebender Wirtschaftsstandort (vgl. Preßlein-Lehle, 2014: 38). Ursprünglich, im Mittelalter und in der Barockzeit, war Ingolstadt eine Stadt der Geisteswissenschaft. Hier wurde die erste bayerische Landesuniversität gegründet. Diese zählte neben Wien und Prag zu den wichtigsten Universitäten im deutschsprachigen Raum (vgl. Dumann, 2006). Neben ihr war die namhafte Medizinische Fakultät ansässig. Sie bildet die Kulisse für den Roman Frankenstein von der englischen Autorin Mary Shelley, die damals Ingolstadt und die Anatomie als Schaffungsort für ihren Protagonisten aussuchte. (Das weiß heute eigentlich kein Mensch außerhalb Ingolstadts.) Das zeigt die damalige überregionale Bedeutung der Stadt und ihrer Hochschule bis auf europäische Ebene. Nachdem 1800 die Universität nach Landshut und schließlich nach München abzog, wurde Ingolstadt Garnisonsstadt (vgl. Preßlein-Lehle, 2014: 38). Im Zuge von Kasernen- und Festungsbauten entstand das Glacis, das den heutigen Grüngürtel um die Innenstadt bildet. Diese sogenannte Schanz prägt bis heute das Stadtbild und gibt den Ingolstädtern ihren Spitznamen: Schanzer.

Ingolstadt, Stadtkern von obenDa Ingolstadt ab diesem Zeitpunkt in erster Linie Festungsstadt war, war die Stadt in ihren städtebaulichen Entwicklungen eingeschränkt. Durch Rayon-Gesetze, die bis 1896 galten, waren zivile Bauten außerhalb des Fortgürtels untersagt. Folglich war Ingolstadt, verglichen mit anderen Städten, kein Ort, an dem sich ein freies, unternehmerisches Großbürgertum hätte ansiedeln und entwickeln können. Im Gegenteil: Die typische Gründerzeit, die den Grundstein für zukunftsorientierte und moderne europäische Städte legte, stellte sich nicht ein. (Vgl. Treffer, 2004: 118) Die damalige Situation lässt sich bis heute am Bauprofil ablesen. Es gibt keine charakteristischen Viertel aus der Gründerzeit. Das klassische Bild der europäischen Stadt gibt es in Ingolstadt nicht. Aber vor allem Städte, die diesem Leitbild folgen, sind weltweit geliebte und gelobte Orte: München, Rom, Barcelona, Wien etc. Die Stadtstruktur der klassischen europäischen Stadt ist geprägt von Straßenzügen, die durch Blockrandbebauung gefasst sind, die Stadträume schaffen und eine raffinierte Abfolge von öffentlichen Plätzen mit historisch unterschiedlichen Funktionen verbinden.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg und mit der Ansiedlung von Audi und damit der Automobilindustrie im Jahr 1949 konnte Ingolstadt sich frei entwickeln (vgl. Presslein-Lehle, 2014). Audi brachte sozusagen Entwicklungs- und Wachstumspotenzial und bildet bis heute eine Monostruktur, die eine ganze Großstadt nähren kann. Fragt sich nur, ob es klug ist, in ökonomischer, industrieller aber auch planerischer Hinsicht nur auf ein Zugpferd zu setzen und was passieren würde, wenn Audi nicht mehr in der Lage wäre, Ingolstadt zu pushen.

Ingolstadt hatte also in seiner Vergangenheit als Militärstadt kaum Entfaltungspotenzial. Deshalb sieht Ingolstadt nun mal so aus, wie es aussieht. Natürlich gibt es eine Vielzahl historischer Gebäude und eine hohe Anzahl denkmalgeschützter Bauten, die typisch für Ingolstadt sind und den Charme der Altstadt ausmachen. Aber verglichen mit anderen, Städten, die die klassische Gründerzeit durchlebten und dem Leitbild der Europäischen Stadt folgten, kann Ingolstadt nicht mithalten. Viele junge, in Ingolstadt ansässige Leute bemängeln diese Tatsache. Im Vergleich zu anderen Städten, sagen die befragten jungen Erwachsenen, habe Ingolstadt keine schöne Altstadt.

Aber genau darin liegt wiederum ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt. Die Innenstadt ist geprägt von vier- bis fünfgeschossigen, maximal siebengeschossigen, Bauten, mit Elementen des Barock oder Klassizismus gebaut und mit unterschiedlich gestaffelten Blendgiebeln zur Straßenseite hin ausgerichtet (Theresien- und Ludwigstraße). Diese Häuser haben ihren eigenen Charme und prägen das Stadtbild. Ingolstadt ist sofort wiederzuerkennen. Diese Tatsache stellt ein großes Potenzial dar. Dann haben wir in Ingolstadt eben keine Gründerzeit-Altstadt – so what?! Kann trotzdem cool sein, wenn man das hervorhebt, was da ist. Und da gibt es Einiges. Daraus ließe sich eine Identität der Stadt Ingolstadt aufbauen, die ihre Vergangenheit annimmt und durch vielfältige Nutzungen neu interpretiert. Dominant sind dabei natürlich die Festungsbauten, aber neben diesen sind auch die beschriebenen Stadthäuser Sinnbild für die Innenstadt.

Ingobongo

Rate mal! Wo ist was?

Auch auf dem Luftbild kann Ingolstadt sofort identifiziert werden. Die Grüngürtel, vor allem das Glacis mit seiner sternförmigen Struktur rund um die Kernstadt, gliedern die Stadt und bilden ein markantes Wahrzeichen mit hohem Wiedererkennungswert. Die Innenstadt ist sehr kompakt innerhalb des Glacis gelegen, während außerhalb der Kernstadt vor allem Einfamilienhaus-Strukturen dominieren. Auf der Suche nach der Stadtidentität muss Ingolstadt sich auf seine Wurzeln besinnen. Was war damals, auch schon vor der Garnisonsstadt, wichtig und repräsentativ? Was ist heute noch da und trägt zur Identität bei? Wie kann man aus der baulichen Struktur und der Geschichte der Stadt ein zeitgemäßes Image nach außen transportieren? Die zahlreichen, sehr gut erhaltenen Festungsbauten und Kavaliere sind charakteristisch für die Stadt Ingolstadt und sollten, nein müssen, aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und den Bürgern geöffnet werden, um nicht mehr nur als herumstehende Artefakte der Vergangenheit, wahrgenommen zu werden. Durch verschiedenste, vielleicht zunächst auch nur temporäre Nutzungen können sie wiederbelebt und in der Gegenwart und Zukunft genutzt werden.

Reduit Tilly schläft

Reduit Tilly schläft

Die Festungsbauten rund um den Klenzepark, die dort ansässige Reithalle und das Exerzierhaus sind Potenzialräume für Begegnungsorte. Bisher wurden die beiden Hallen nur für Events geöffnet und waren ansonsten nicht frei zugänglich. Die Reithalle wurde gelegentlich für Ausstellungen genutzt. Kunst ist tot hat jemand an die Fassade der Reithalle gesprüht. Ein Zeichen für das ungenutzte Potenzial. Hoffentlich ändert sich das mit der baldigen Ansiedlung des Theaters! Wir werden sehen!

Kunst ist tot_Reithalle Klenzepark

Der Klenzepark ist für viele Ingolstädter ein Lieblingsort in der Stadt, aber die historischen Gebäude sind bisher nur tote Kulisse und nicht greifbar. Warum öffnet man diese Bauten nicht für die Bürger und entstaubt sie, nimmt sie an, taucht ein, benutzt sie? Denkmäler schützen und erhalten ist absolut wichtig, aber wir Ingolstädter „leben“ tagtäglich mit ihnen in einem Stadtraum. Es wird Zeit, sich Strategien zu überlegen, die dem denkmalgeschützten Gebäude keinen Abbruch tun, die aber diese Hüllen zeitgemäß nutzbar machen können. Der Freistaat gibt Unsummen für den Erhalt der Denkmäler aus. Damit sie nur rumstehen? Man könnte sie neu interpretieren, positiv besetzen und wieder ins Stadtbild integrieren. Beispielsweise durch Veranstaltungen in der Rundmauer, dem Reduit Tilly, oder dem Turm Triva. Durch Zwischennutzungen in Form von Märkten, Flohmärkten, Lebensmittelmärkten mit regionalen Produkten und auch dauerhaft mit Cafés oder Bars, die auch abends den Klenzepark beleben und nicht zum Angstraum werden lassen. Während des Lichtstrom-Festivals letzten Herbst ist es gelungen, die Festungsbauten und deren Kontext als Projektionsfläche zu nutzen. Internationale und nationale Künstler präsentierten ihre Lichtinstallationen. Und wie das Taktraumfestival Anfang August in und ums Reduit Tilly abgegangen ist, muss ich hier nicht mehr schreiben!! Aber es müsste auch dauerhaft etwas aus diesen Potenzialen gemacht werden! Nicht nur die vereinzelten großen Events, die kurzfristig eine positLichtstromfestival 2014 Turm Triva im Klenzeparkive Wirkung haben.

Lichtstromfestival im Klenzepark 2014 Lichtstromfestival 2014 Turm Triva im Klenzepark Lichtstromfestival 2014 Turm Triva im Klenzepark

Also es geht schon was! Es gibt sie, die Highlights! Und für Ingolstadt sind solche Aktionen auch immer noch was Besonderes. Süß irgendwie. Da freut man sich gleich dreimal mehr auf diese Wochenenden 🙂

Auf jeden Fall muss man sagen, dass die Veranstalter dieser Aktionen hier großartige Pionierarbeit leisten, indem sie mutig sind und nicht müde werden, zu kommunizieren, zu organisieren und sich nicht unterkriegen lassen, auch wenn sie dabei selbst krass am hustlen sind. Crowdfunding hat sich in anderen Bereichen schon gut bewährt, vielleicht ist das hier auch eine Möglichkeit, mal auszuprobieren, Neues auf die Beine zu stellen. Der Erfolg gibt ihnen auf jeden Fall Recht! Chapeau!!!

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InGOLDcity VI – diggin‘ for gold

InGOLDcity VII – für mutige Goldschmiede

von Ingolstadt zu InGOLDcity – 1. Eigenes Profil entwickeln

Quellen:
Presslein-Lehle, Renate: Interview in: Bauwelt 36.2014 von Hofmann, Marc, München 2014

Treffer, Gerd: Kleine Ingolstädter Stadtgeschichte. Regensburg: Friedrich Pustet 2004

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