neue neun

Im September eröffnete endlich die langersehnte Halle 9 am Ingolstädter Hauptbahnhof. Die ehemalige Güterhalle wurde zum neuen Kultur- und Trendsportzentrum umfunktioniert. Dabei gliedert sich das Gebäude in zwei Bereiche: Die Kulturhalle ist für rund 700 Gäste konzipiert und soll für Veranstaltungen jeglicher Art herhalten. Konzerte, Theater, Kabarett und Parties. Die Trendsporthalle richtet sich an die Zielgruppe der Jugendlichen und bietet Platz für Trendsport wie Bouldern, BMXen, Skaten usw. Außerdem gibt es Räumlichkeiten für diverse Nutzungen: Bandproberäume oder Tanzräume.

Das steht sie nun also. Fix und fertig im modern-puristischem grau rausgeputzt und alle sind gespannt und erwartungsvoll. Schießlich hat sich das Projekt lange hingezogen und auch die Ausführungsarbeiten haben den städtischen Geldbeutel strapaziert. Als erstes Öffnet die Kulturhalle am Freitagabend ihre Pforten:

Bei der Eröffnung mischen wir uns unters Volk, um ein paar Stimmungsbilder aufzunehmen. Irgendwie scheint das Ding doch nicht so durch die Decke zu gehen, wie angenommen und erhofft. Irgendwie sind die Aussagen noch teilweise zurückhaltend:
Ich hab‘ es mir anders vorgestellt. Ich weiß nicht genau wie, aber irgendwie cooler! Mehr Berlin-Style.
Es sieht aus wie eine Turnhalle! Es ist zu clean. Zu sauber. Ich dachte, das soll ein Ort sein, an dem sich Jugendliche austoben können?!
An so einem Standort
, direkt neben dem abgefuckten Ohrakel und an den Gleisen hätte ich was Unfertigeres für junge Leute erwartet.

Die Akustik ist heute extrem schlecht. Und wie wird es sein, wenn hier eine ausverkaufte Party ist? Da ist die Bar ganz hinten im Eck und keiner kommt mehr hin. Aber vielleicht wird dann eine provisorische Theke an der Seite aufgestellt? Auf ’ner Party stehen die Leute immer zuerst an der Bar, weil selten gleich Leute auf die Tanzfläche gehen. Dann drängeln sich alle ins hinterste Eck und der DJ steht vorne alleine da. Das sind alles Sachen, die bedacht werden müssen die sich hoffentlich entwickeln, weil an sich ist es keine schlechte Location.
Mit gefällt’s gut! Es wurde mal Zeit, dass im Süden auch was geboten ist. Ich hoffe, es geht hier was. Ich würde schon öfters herkommen.
Draußen fehlen noch Mülleimer. Aber wenn sie morgen 1000 Kippen aufheben müssen, fällt ihnen dann schon ein, dass man da welche braucht.
Aber aller Anfang ist schwer und wer weiß… Ingolstat ist halt nicht Berlin und soll es um Himmels Willen auch nicht werden! Dann sind wir eben etwas schicker und puristischer unterwegs. Kann ja trotzdem cool sein, oder? Berlin ist arm, aber sexy, Ingolstadt ist GOLDstadt und glänzt. So.
Aber man muss natürlich schon sagen, dass es diesen Chick nicht gebraucht hätte. Etwas mehr used und Atmosphäre wäre schon cool gewesen. Man will sich ja schließlich heimisch fühlen und sich gern den Raum aneignen. Aber so ohne Ecken und Kanten ist das mit dem Aneignen gar nicht so leicht. Man rutscht da immer so ein bisschen ab, weil das Aalglatte, verflixte Ding einem immer aus den Fingern flutscht.

Als das berühmt-berüchtigte Münchner DJ-Set Schlachthofbronx gegen elf Uhr in den Startlöchern steht, verjüngt sich auch schon der Altersdurschnitt um mindestens 10-15 Jahre und den jungen Wilden wird das Feld kampflos überlassen. Lediglich einige Wenige verfolgen das verrückte Getanze zu den stürmischen Electro-HipHop-Reggae-undwasessonstnochsogibt-Beats mit sicherem Abstand hinter den weißen Stehtischen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir gänzlich die Halle erobert haben.

Am Samstag ging der Eröffnungsmarathon weiter. Das Jugendtrendsportzenrum, ja ein laaaanges Wort, das auch wirklich und ernsthaft in der Öffentlichkeit so verwendet wird, lädt ein zum bunten tête-à-tête mit Rampen einfahren, Kaffeeklatsch und lässiger Mucke. Die Eröffnung hat sich hier wohl sehr gut rumgesprochen, denn es kommen viele ehrgeizige Nachwuchs-Trendsportler, um vor viel Publikum zu zeigen, was sie können. Eigentlich ist es viel zu voll für die doch eher kleine Halle – auch hier hat man sich Größeres vorgestellt – schließlich werden auch Kids aus dem umliegenden Landkreisen herpilgern und trendsporteln. Aber an einem Eröffnungstag kann es ja nie voll genug sein! Es herrscht eine laute und quirrlige Atmosphäre und man lässt sich anstecken von dem Eröffnungsoptimismus. Auch die Sitzstufen draußen werden perfekt angenommen und als Outdoor-Skateplatz ernannt. Genau so soll es sein! Belebtes Gewusel mit Musik und Getränken und sich treffen und ratschen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Aber leider gibt es auch hier draußen noch keine Mülleimer und die Kippen fliegen durch die Gegend. Und in der Boulder-Ecke wurden wohl die falschen Knöpfe angeschraubt, sagen uns ein paar Boulderer. Naja, das lässt sich ja eigentlich ganz easy ändern. Aber man fragt sich schon, können die Youngsters in der Skatehalle die Wände vollschmieren, sich verewigen, Aufkleber ihrer Band pinnen? Ist schon sehr steril und ohne Flair.

Wir werden sehen, wie sich die neun entwickeln wird. Generell ist unser Daumen weit oben und der Standort für solch eine Nutzung super. Schade wäre allerdings, wenn sich die Halle in eine verspießte, laue Location für das Publikum 40+ verwandeln würde und sich damit zwei komplett getrennte Lager zwischen Sport- und Kulturhalle auftäten. Wir haben die Hoffnung, dass sich dort im Gesamten eine authentische Location für junge Menschen etabliert mit Sport und wilden, lauten Parties und Konzerten und Kunst und Kultur und die den verstaubten und vernachlässigten Güterhallen am Hauptbahnhof neues Leben einhauchen und die Platz für alternative Events bieten mit dementsprechenden Eintrittspreisen, die nicht schon von vorn herein selektieren und eine Art Gentrifizierung auf kultureller Ebene nach sich ziehen. Ei, was wäre das fein!

Kulturhalle neune, Konzert MarieMarieKulturhalle 9, IngolstadtHalle 9, Eröffnungskonzert Neutral Ground Brass BandSitzstufen Halle 9, IngolstadtJugendtrendsporthalle neunSitzstufen Halle 9, JugendtrendsportzentrumEröffnungskonzert Halle 9, Neutral Ground Brass Band

2 Gedanken zu „neue neun

  1. Matthias

    Die NEUN ist sehr wichtig für Ingolstadt, damit darf es aber nicht genug sein. Leider waren viele Politiker von Anfang an nicht überzeugt davon. Die geben lieber Geld für Parkplätze und Industriegebiete aus. Kultur wird wenn überhaupt durch Klassik-Konzerte usw. gefördert.

    Mit der NEUN am Hauptbahnhof könnte das gesamte Gebiet zwischen dem Hauptbahnhof und Münchener Straße, bis zum südlichen Ring (Biergarten Bonschab) zu einem lebendigen urbanen Kiez werden. Cafés und Restaurants sind schon da. Ein großer Park (St. Anton) und ÖPNV ebenfalls. Wir wollen ein Alternatives-Zentrum rund um die NEUN! 🙂

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  2. Pingback: InGOLDcity VI – diggin‘ for gold | StadtRaumLeben

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