Seniorenteller? Nein, danke!

Was ist hier los? In dem beschaulichen Wohngebiet an der Klenzestraße in Ingolstadt regt sich etwas an diesem sonnig-heißen Freitagnachmittag. Einer hat ein Megafon. Er hat graues Haar und sieht eigentlich nicht aus wie jemand, der oft und gern Rabatz macht. Schaulustige aus der Nachbarschaft gruppieren sich neugierig am Hintereingang der lehrstehenden Villa. An der Hauswand und der Garage hängen Bettlaken mit Parolen: „Seniorendiskothek – Bedrückende Stimmung & Kostümzwang. Shake your Prothese!“ Ein Rollstuhl vor der Garage der Villa – mit Skiern? Was passiert hier nur?

Banner und Rollstuhl vor der besetzten Villa

Über Nacht sind mehrere rüstige Rentner in die lehrstehende Brunnquell Villa am Innenstadtrand eingedrungen und besetzen seither das Haus. Ihre Forderung: Angemessener Wohnraum für angemessene Miete auch für Alte! Keine weitere Verdrängung der älteren oder sozial schwachen Menschen mehr aus der Innenstadt! Auf einem ihrer Banner steht: „In Erwägung, dass dort Häuser stehen, während ihr uns keine Bleibe lasst, haben wir beschlossen, nun dort einzuziehen, wenn es uns in unseren Löchern nicht mehr passt.“ Was für eine Aussage!

RollstuhlAntike StühleRentner im Stand-byKarlheinz HabeltKleiderschrankBadewannenliftBilder der ehemaligen HausbesitzerRegeln für den WiderstandLesung von der Krimi-Autorin Carmen MayerKamin und StühleStadt der CommonistenErstes SchlaflagerDas runde ZimmerBesetztes SchwimmbadZweites SchlaflagerZweites SchlaflagerDrittes SchlaflagerParole SchwimmbadDemo-Schilder im GartenLebenslauf-Verbot

Die Besetzer sind keineswegs „Anfänger“. Bereits während ihres Studiums in den 70ern gelang es ihnen, ein Haus zu besetzen. Später, nach der erfolgreichen Besetzung, durften sie dieses Haus auch instand setzen. Der Kampf damals richtete sich gegen die Vernichtung von Wohnraum. Der Fokus heute liegt ein klein wenig anders: Gegen Gentrifizierung, gegen Segregation, gegen Wuchermieten. Für altersgerechte Wohnungen, für zumutbare Mieten, für Durchmischung in den Innenstädten. Die Besetzer sind an diesem Tag wohl das Sprachrohr für eine ganze alternde Generation, die Angst hat, irgendwann nicht mehr autonom leben zu können und aus ihrem gewohnten und geliebten Umfeld ins Altersheim abgeschoben zu werden. Eine pikante Thematik, die wohl jeder Mensch so lange wie nur möglich von sich wegschiebt! Die Besetzer-Gruppe der Brunnquell Villa ist diesem gefürchteten Thema zuvor gekommen und selbst aktiv geworden. Um nicht verwaltet und abgeschoben zu werden, quartieren sie sich gemeinsam in dieses leerstehende Haus ein. Warum sollten solche Schmuckstücke von Häusern ungenutzt bleiben und verfallen, wenn es doch so viele Menschen gibt, die einen würdigen Platz zum Leben brauchen?! Sie sagen, amerikanische Untersuchungen haben erwiesen, dass das Leben in solchen Wohngruppen alle Beteiligten sowohl geistig als auch körperlich fit hält, da die Bewohner so lange wie möglich ihre Bleibe auf Vordermann bringen, den Garten bewirtschaften und in kontinuierlicher Interaktion und Kommunikation zueinander stehen.

Jeder, der an diesem Tag da ist, ist berührt von den Aussagen und Forderungen. Wie gehen wir mit unseren Alten um? Wie wollen wir leben? Wie können wir noch leben? Kann man einem 70-jährigen Menschen, der sich schon sein halben Leben für einen Ort entschieden, sich an ihn gebunden, ihn mit Erinnerungen gefüllt hat, sagen, er muss sein Leben ändern?

In der Villa selbst kann man sich ein Bild von den besetzten Räumen machen. Bildende Künstler haben ihre Werke ausgestellt, es gibt Lesungen, Inszenierungen, hausgemachte Kartoffelsuppe made by den Besetzern und eine Rentner-Band rockt im Garten. Moment… Bildende Künstler? Inszenierungen? Als alteingesessene Ingolstädter Theatergängerin erkenne ich doch das ein oder andere Schauspielergesicht: der gute alte Karlheinz Habelt, Peter Greif und Rolf Germeroth… Also alles nur Theater?

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