Zukunftsstudio. Perfektion und Underground

Das Zukunftsstudio hat vergangenen Freitag Halt gemacht in München. In intimer Runde wurde im Pathos Theater referiert über Urbanität, Gesellschaft, Stadtentwicklung, Kunst und Kultur. Moderiert wurde der Abend von Sally Below (sbca Berlin, Vorstand STADT ALS CAMPUS e.V. / Vorstand VorOrt e.V. Dessau) und Martin Kohler (HafenCity Universität Hamburg).
Seither überschlagen sich meine Gedanken und ich weiß gar nicht, wo ich zuerst anfangen soll. Es brodelt…

Alles auf Anfang:
München – Perfektion und Underground. Das war das Motto des Abends. Mein erster Gedanke war: Perfektion UND Underground? Perfektion VERSUS Underground wäre treffender. Denn wenn man an München denkt, denkt man an alles Mögliche, aber nicht unbedingt zuerst an Underground. Ich habe mich noch nicht so recht entschieden, welcher Leitsatz rückblickend besser passt.

Mark Michaeli von der TU München, Professor für Sustainable Urbanism, trat als erster ins Scheinwerferlicht und eröffnete die Runde mit einem Appell, könnte man so sagen. Der ging zuerst an die Hochschulen, allen voran an die TU München, die sich seiner Meinung nach viel zu wenig in die Gesellschaft einklinken. Studierende erlebten den Stadtalltag nicht mehr. Dabei könnten gerade junge Leute mit befreitem Blick auf brennende Themen neue Denkanstöße geben. Der zweite Appell ging an die Verwaltung, die er auffordert, Experimente einzugehen und neue Wege zu gehen.

Moderator Martin Kohler (HafenCity Universität Hamburg) und Muck Petzet (Muck Petzet Architekten, München)

Moderator Martin Kohler (HafenCity Universität Hamburg) und Muck Petzet (Muck Petzet Architekten, München)

„Der Münchner Wohnungsbau ist absolutes Mittelmaß, das hochpreisig verkauft wird.“ Muck Petzet, Architekt

Ist München perfekt? Nein, sagt Muck Petzet, Architekt aus München. München sei damit zufrieden, mit Perfektion in Verbindung gebracht zu werden. München sei aber tatsächlich nur Mittelmaß: Der Wohnungsbau ist Mittelmaß, das hochpreisig verkauft wird. München kann sich das leisten, das Mittelmaß wird einem dort ja förmlich aus den Händen gerissen. München muss nichts Besonderes liefern, alle finden’s trotzdem toll. Alle schauen auf München. Hier ist für alles gesorgt, alles ist da, sagt Petzet, es herrscht Überversorgung an allen Ecken. Aus dieser Überversorgung ergibt sich eine Überregulierung. Ein Luxusproblem, ja. Aber genau das scheint offenbar das Erfolgsrezept der Stadt zu sein. München habe keine Vision mehr nötig.

„Man kann sich besser weiterentwickeln, wenn man sich mit dem Vorhandenen identifiziert.“ Muck Petzet, Architekt

München ruht sich also auf seinen Lorbeeren aus. Das sagt auch Christian Jacobs (Herausgeber des Kulturmagazins Earnest & Algernon), der uns gedanklich in eine Redaktionssitzung entführt. „Es sieht so aus, als hätte München vergessen, wem es den Ruf und die Entwicklung zu verdanken hat.“ Sagt er und zieht dabei einen riesen Bogen zu Ludwig II., der in seinen Augen ein abgefahrener Zeitgenosse war: Nachtschwärmer, Langschläfer, Traumtänzer, Egozentriker, flexibel in Sachen Liebesleben, dem kreativen Wahnsinn verfallener Unterstützer der Anarchisten und Wagner-Narr. Jacobs Meinung nach begann hier eine Bewegung, vielleicht ein kreativer Prozess, der sich durch die Gesellschaft zog und bis in die 80er Jahre anhielt. Und dann: Stillstand. Wo findet heute Subkultur überhaupt noch statt? Ist nicht längst alles zur Hochkultur geworden? Gibt es überhaupt noch das Geheime, das Semilegale?

„Perfektion ist Lähmung“ Winston Churchill

Das gilt insbesondere für soziale Systeme. Perfektion sei im Sinne einer lebendigen Sozialstruktur unmöglich, sagt Jacobs.
Dynamik, Veränderung, Subkultur, Imperfektion sind der Nährboden für ein gesundes, soziales Miteinander.

Zukunftsstudio München 2015, Wissenschaftsjahr 2015, Zukunftsstadt_Peter Arnold (München Forum e.V. und selbsternannter Urbanpathologe) im Interview mit Sally Below

Peter Arnold (München Forum e.V. und selbsternannter Urbanpathologe) im Interview mit Sally Below

Dass Kreativwirtschaft eine besondere Rolle in einer Stadt spielt, habe ich in den InGOLDcity-Beiträgen schon dargestellt. Aber wie planbar ist denn nun Kultur? Was braucht sie?
Angelika Fink, künstlerische Leitung des Pathos Theaters, hält einen ernsthaften Vortrag mit blauer Perücke. Ganz ernsthaft verweist sie auf Rem Koolhaas‘ neuen Urbanismus, der da sagt, dass sich Urbanismus nicht mehr länger mit der Planung dauerhafter Objekte befasst, in langen Zeitintervallen gesehen, sondern mit der Bereitstellung von Möglichkeitsfeldern für dynamische Prozesse, die nicht auf ein „Endprodukt“ abzielen ohne feste Strukturen. Das deckt sich mit dem künstlerischen Bereich. Dieser lebt von einem dynamischen Prozess, von Bewegung, von Veränderung – ohne in die Instrumentalisierung zu verfallen. Perfektion hingegen bedeutet Vollkommenheit, Unfehlbarkeit. Das wäre tödlich für die freie Kunst. Denn freie Kunst soll nicht zwangsweise Ergebnisorientiert agieren, im Gegenteil. Was ist sinnhaft und was nicht? Wer bestimmt das?

„Wenn ich ein Büro suche, um Aufträge zu generieren, wie soll ich da Miete aufbringen, wenn noch kein Geld da ist, weil ich die Aufträge erst generieren muss?“
Alexander Lech BÜROHALLO, Dessau

Zukunftsstudio München 2015, Wissenschaftsjahr 2015, Zukunftsstadt_Alexander Lech (Kommunikationsdesigner, Zwischennutzer und Mitbegründer von BÜROHALLO Dessau) im Interview in der Gondel mit Martin Kohler

Alexander Lech (Kommunikationsdesigner, Zwischennutzer und Mitbegründer von BÜROHALLO Dessau) im Interview in der Gondel mit Martin Kohler

Freie Kunst. Underground. Subkultur. Das kann man ja gar nicht fördern, das muss von alleine entstehen. Das kann nicht gefördert werden.
Falsch! Freie Kunst und Kultur bedeutet nicht, als Künstler prekär leben zu müssen, sondern auch Künstler wollen Verbündete, Raum, Akzeptanz und Unterstützung finden. Freiheit bedeutet hier, frei zu sein in seiner Kunst.

„Es ist absolut notwendig, Räume der Abwesenheit zu haben, um eine Zeit lang im Untergrund zu sein, damit nicht gleich alles in den Mainstream gedrängt wird.“
Christian Jacobs (Earnest & Algernon)

In solch einer boomenden Metropole wie München gibt es doch keine Restflächen mehr, oder? Da ist doch jeder Meter genutzt? Müsste man meinen. Jan Foerster von teamwerk Architekten beweist uns das Gegenteil. Im Zuge des Ideenwettbewerbs „OPEN SCALE“, an dem junge Architekten 2009 beteiligt waren und sich neue Gedanken zu Planung und Stadtentwicklung in München gemacht haben, hat das Team um Jan Foerster genauer hingesehen – und sich den zweiten Platz mit ihrer Studie gesichert. Entstanden ist ein Plan vom gesamten Münchner Stadtgebiet, auf dem alle ungenutzten bzw. untergenutzten Grün- und Freiflächen kartiert wurden. Es handelt sich dabei um sogenannte tote Flächen, die aufgrund der Abstandsflächenregelung oder des Emissionsschutzes ihr Dasein fristen. Warum nicht diese Flächen im Rahmen ihrer Möglichkeiten nutzen? Warum sich keine Gedanken über dieses vorhandene Abstandsgrün machen? Dabei reden wir hier nicht von 20.000 Quadratmetern, Pipifax. Sage und schreibe 2 Millionen Quadratmeter tote Grünflächen wurden erfasst.

Muss Underground jetzt geplant werden? Ist er eine aussterbende Rasse, die unter Artenschutz gestellt werden muss, weil wir bald nur noch vom Mainstream überrollt werden und es keine kleinen Pflänzchen der Subkultur gibt, weil der natürliche Lebensraum, der Nährboden, Stück für Stück weghomogenisiert wird? Gibt es nun eine „Planwirtschaft des Off“, wie es der Architekt Muck Petzet betitelt? Ist das Münchner Kreativquartier an der Dachauer Straße eine solche Planwirtschaft? Oder ist es die dringend notwendige Notbremse, die quasi von oben herab Freiräume schafft, um die aussterbenden Nischen zu sichern? Natürlich gibt es seitens der Künstler auch Kritik an der geplanten Kreativität. Kunst werde missbraucht und instrumentalisiert, um Schwung in verstaubte Stadt-Kisten zu bringen, heißt es. Richard Florida hätte mit seiner „Rise of the Kreative Class“ den Startschuss für kommerzialisierte, „sinnvolle“ Kunst und Kultur gegeben und das Wettrennen auf die „Kreativen“ hat schon längst begonnen. Nichtsdestotrotz können Unorte durch kreative Nutzungen positiv besetzt und wieder in das Stadtgefüge integriert werden.
Außerdem muss man sich fragen, ob solche sogenannten Künstlerviertel überhaupt noch möglich wären, ohne die Unterstützung der Stadt. Denn sie kann als Schirmherr sozusagen durch Satzung festlegen, dass eben nichts Konkretes festgelegt wird, sondern dass alles möglich ist: Ein Club neben einem Proberaum, Ateliers neben Werkstätten und so Gentrifizierung und Spekulationen durch Investoren verhindern.
Das Kreativquartier ist ein Experiment. Ein Experiment für beide Seiten: Stadt und freie Kunst nähern sich Schritt für Schritt. Es ist ein Herantasten und Ausprobieren das vor allem eins fordert: Kommunikation, Offenheit und Flexibilität auf beiden Seiten und das klare, unabdingbare Bekenntnis, Freiheiten zuzulassen und neue Vorgehensweisen seitens der Stadtverwaltung zu erproben. Im besten Falle entsteht (k)eine runde Sache, etwas Eigenes mit Ecken und Kanten ohne Feinschliff und Schischi.

„Es geht immer um den Prozess. Unfertigkeit ist das Ziel, sonst gibt es nichts mehr zu tun.“
Alexander Lech ist Mitbegründer des BÜROHALLO in Dessau, einer schrumpfenden Stadt ohne großartige Zukunftsperspektive.

Es ist der einfachere Weg, die Verwaltung anzuschwärzen und ihr den schwarzen Peter zuzuschieben im Sinne von den ewigen Verhinderern, die da hinter ihren verstaubten Schreibtischen sitzen. Ja, in gewisser Weise kann das schon zutreffen. Jedoch ist die Gesellschaft an sich auch gefragt.
>>Kurzer Exkurs: Die Politik besteht aus gewählten Vertretern, die die Wünsche „ihrer“ Bürger vertreten. Und diese Wünsche kommen oft nicht von ungefähr, sonder meistens eben vom Großteil der Wählerschaft.<<
Deshalb wurde auch über die Gesellschaft an sich diskutiert. „In Deutschland wird Privatheit höher eingestuft als Gemeinschaft.“ Ist das so? Das meist verkaufte und nachgefragte Eigenheim ist immer noch das klassische Einfamilienhaus mit Gartenzaun und Apfelbaum. Wollen wir gar nix mit unseren Nachbarn zu tun haben? Gar keine Verantwortung in der Gemeinschaft übernehmen? Wird Gemeinschaft zu Gesellschaft? Wir wissen es nicht. Was wir jedoch wissen ist, dass die Bauweise beispielsweise in Holland etwas anders ist als bei uns. Dichte und Nähe werden anders definiert – nämlich als Chance für ein soziales Miteinander in der Nachbarschaft. Da betritt man seine Wohnung nicht selten direkt ebenerdig über den öffentlichen Bürgersteig ohne das vor fremden Blicken schützende Hochparterre oder einen „Abstandsvorgarten“. Da gibt es riesige Fensterfronten auf Augenhöhe, durch die man direkt vom einen Ende der Wohnung ins andere blicken kann. Da steht man sofort im öffentlichen Raum, wenn man das Haus verlässt. Und dieser wird auch als Gemeinschaftsraum genutzt und bepflanzt. Man kommt zusammen, trifft sich, macht Picknicks. In Deutschland wäre das in der Form nicht möglich. Vielleicht weil wir anders gestrickt sind und unsere Ruhe uns heilig ist?

„Es ist ein bisschen scheißegal, wo das Geld herkommt.“
Nils Rose (Clubgründer aus Hamburg)

Wie macht man denn eigentlich Underground? War die erste Frage an Clubgründer Nils Rose aus Hamburg. Hauptberuflich ginge das nicht. Da braucht man schon den Brötchen-Job, der den Underground finanziert. Geld spielt schon eine Rolle. „Aber es ist ein bisschen scheißegal, wo das Geld herkommt“, sagt Rose. „Es darf nur nicht zu viel sein.“ Das lässt darauf schließen, dass es nicht verboten ist, Underground offiziell zu fördern – pushen ist also erlaubt. Es folgt ein Video, das ein paar Sekunden lang krasseste Licht-Action mit – vermutlich – kranker Musik zeigt (der Ton ging leider nicht). Eine Momentaufnahme aus dem neuesten Clubprojekt des Hamburgers. Kein Mensch ist zu sehen, niemand der tanzt. Ein erfolgreicher Abend? Was ist denn eigentlich Erfolg? „Der DJ hatte grad’n Strobo“, also ein geiler Abend für die zwei Menschen, die da waren? Oft sind am Anfang des Gigs einige Leute da und nach zwanzig Minuten sind es nur noch zwei, sagt Rose.
Tja, wie misst sich denn eigentlich Erfolg? Dieses besagte Clubprojekt ist jedenfalls nicht auf kommerziellen Erfolg aus. Noise ist die Devise und Krach wird gemacht mit einer Anlage, die für 3.000 Leute konzipiert ist und in einem Raum aufgedreht wird, in den vielleicht maximal 100-200 Leute passen. „Solche Orte dürfen nicht bekannt werden.“ Die sprechen sich quasi durch Nonpropaganda rum und bekannte Acts, die auch mal ihre Afterhour im Club starten, dürfen auch keine Werbung für ihren Gig machen. Für diese Acts gibt es dann auch keine Gage. Das Konzept ist Folgendes: Der Künstler ist für einen Gig in einem bekannten Club der Stadt gebucht und fährt sein Programm gegen Bares. Danach legt er aus Nettigkeit und Gaudi im Afterhour-Club auf – Netzwerken ist also alles.

 

Die Stadt München hätte an diesem Abend durch viele andere Städte ersetzt werden können – Hamburg, Berlin, Stuttgart, manchmal sogar auch Ingolstadt – die Diskussionsergebnisse hätten sich nicht wesentlich verändert. Viele Probleme sind globale Probleme.
Reden ist Gold! Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Das sind die Triple Ks, die es möglich machen, lebenswerte Orte entstehen oder wieder aufleben zu lassen. Interesse, Austausch, Neugier, Mut. Das sind die wichtigsten Schlagworte, dieses Abends und einer vielfältigen Stadt.

Den gesamten Abend über wurde mitgefilmt – deshalb auch Zukunftsstudio
Dieses, sowie alle anderen Videos von den Zukunftsstudios in Dessau-Roßlau, Hamburg und Offenbach findet ihr auf folgender Seite:

http://www.experiment-stadtalltag.de/
http://www.stadt-als-campus.de/experiment-stadtalltag.html

Alle Gespräche in den Zukunftsstudios werden zusammengefasst und am Ende der Reihe kommt in Berlin alles in einem Studio und der um Exponate aus den besuchten Städten erweiterten Ausstellung Auf dem Weg zur Stadt als Campus für ein umfassendes Resümee zusammen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.